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„Ostern ist der mal sichtbare und mal stille Sieg des Lebens über den Tod“ – Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger

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Die Predigt der Osternacht hat Stadtsuperintendent Bernhard Seiger in der Trinitatiskirche gehalten. Er bezog sich auf den Predigttext 1.Samuel 2,1-2.6-8a. „Ostern ist ein himmlisches und zugleich irdisches Ereignis. Ostern findet bei uns und in unserem Alltag statt. Ostern ist der mal sichtbare und mal stille Sieg des Lebens über den Tod“, sagte der Pfarrer.

Hier können Sie die Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger lesen:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde!
Wo findet Ostern statt?
Ist das eine merkwürdige Frage?
Vielleicht würden Sie eher fragen: Wo und wie fand damals Ostern statt?
Und dann erwarten wir die Erzählungen und Gedanken über das, was etwa im Jahr 30 in Jerusalem stattfand.
Ich frage uns aber anders: Wo findet heute Ostern statt?
Vielleicht denken Sie an die Fernsehbilder der letzten Tage: Die grausamen Bilder von Raketenangriffen auf die Ukraine. Der Terror in einem Moskauer Theater. Zerbombte Häuser in Gaza und Menschen die rennen, um etwas von den Lebensmittelpaketen an den Fallschirmen der Transall-Maschinen abzubekommen.
Und Emmaus, die Stadt, in die der auferstandene Christus ging, liegt heute im besetzten palästinensischen Gebiet und ist durch eine hohe Mauer abgetrennt. Jesus würde heute wegen der abgeriegelten Grenze wohl gar nicht bis Emmaus kommen. Wie sollen wir da an Ostern glauben?

Der Predigttext, der für heute vorgeschlagen ist, führt uns dahin, wo heute Ostern stattfinden kann. Er steht im Ersten Testament, 1.Samuel 2. Es sind Ausschnitte aus dem Lobgesang der Hanna. Ihr Lied ist keine der üblichen Geschichten, mit denen man an Ostern rechnet.
Hanna singt dieses Lied, nachdem ihr Samuel geschenkt worden war. Das Kind, das sie über Jahre so heiß ersehnt hat. Nun ist sie voller Dankbarkeit.

Textverlesung  

Liebe österliche Gemeinde!
Ostern ist ein sehr irdisches Ereignis! Für Hanna wird die Geburt ihres Sohnes zu einem Osterereignis.
Wer eine solche Erfahrung wie Hanna macht, der erfährt Ostern ganz unmittelbar: buchstäblich am eigenen Leib.
Die kinderlose Hanna hatte vorher Spott und Hohn ertragen müssen, sie hat gewartet. Und schließlich kann sie doch noch mitten im Leben stehen und triumphieren.
Hanna ist eine der vielen Zeugen für den österlichen Triumph.
„Der Herr tötet und macht lebendig,
er führt herab zu den Toten und wieder herauf.“
So hat sie es erlebt:
Sie hat sich abgeschnitten gesehen vom Leben.
So irdisch-leiblich, so konkret-menschlich kann Ostern sein.

Aber, so fragt man sich, ist das nicht doch ein wenig zu irdisch gedacht?
Ist das nicht zu platt und zu wenig geheimnisvoll? Schließlich ist Ostern doch ein himmlisches Ereignis:
An Ostern stellt sich Gott zu seinem von den Menschen getöteten Sohn. Er erhöht ihn und macht ihn zum Orientierungspunkt aller Hoffnung. An Ostern erscheint der Auferstandene auf geheimnisvolle Weise den Frauen am Grab und seinen Jüngern.
Man hat immer wieder versucht, zu verstehen, was da real geschehen ist – letztlich bleiben die Erlebnisse von damals unergründbar, sie bleiben ein Geheimnis, das sich uns entzieht. Der Auferstandene geht durch Wände und Türen, er taucht auf und verschwindet wieder. Es wird von Ostererscheinungen in Jerusalem, in Emmaus und Galiläa erzählt.

Damit wird klar: Ostern ist in jedem Fall auch ein himmlisches Ereignis, das die Grenzen von Raum und Zeit sprengt. Ein Ereignis, das für Himmel und Erde, für das Leben und das Sterben, für die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge von Bedeutung ist.

Weil Ostern ein himmlisches Ereignis über alle Zeitphasen hinweg ist, können wir auch Hannas Triumphlied als Osterlied verstehen. Ein Osterlied aus dem ersten, dem jüdischen Testament – das zeigt schon, dass an Ostern unsere Zeitvorstellungen durcheinandergewirbelt werden. Hannas Überwindung des eigenen Schmerzes ist ein Osterjubel.

Die Freude Hannas ist so groß, weil ihre Verletzung so tief war. So wie Hanna kann nur singen, wer Täler durchschritten hat. Im Singen wie in der Kantate „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ ist etwas von der Kraft zu spüren, die aus der Erfahrung von Tiefe kommt.
Bei Hanna ist durchaus ein Schuss Schadenfreude dabei gegenüber ihrer Konkurrentin. Ihre Konkurrentin war Peninna, die schon mehrere Kinder hatte.
„Du hast gedacht, dass du mich klein machen kannst. Du hast geglaubt, mich demütigen zu können. Aber du hast dich getäuscht, dein Hochmut zerfällt in tausend Stücke!“
„Der Herr tötet und macht lebendig.
Der Herr macht arm und macht reich.
Er erniedrigt und erhöht den Armen aus der Asche.“

Sie freut sich über Gott und seine Möglichkeiten:
„Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,
mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wieder meine Feinde, denn ich freue mich meines Heils.“

Zu Ostern gehören auch die vielen Geschichten, in denen Jesus Menschen heilte und sie von Einsamkeit oder ihrer Last befreite.
Zu Ostern gehören auch die Geschichten, die wir und die Menschen um uns erleben, in denen sich das Leben durchsetzt. Denn wenn es stimmt, dass Ostern nicht an einen bestimmten geschichtlichen Ort gebunden ist, dann muss Ostern auch ein Ereignis unserer Zeit sein.

Nun fällt es schwer, das große Wort „Ostern“ für das zu gebrauchen, was wir erfahren.

Aber warum soll es nicht eine Ostererfahrung sein, wenn einer so etwas erzählen kann:
„Ich habe gerade meine Ausbildung geschafft! Ich habe so große Schwierigkeiten in der Schule, mit mir selbst und zu Hause gehabt.
Ich musste schwere Zeiten aushalten. Ich habe oft Zweifel gehabt. Aber andere haben mich ermutigt, ich habe gekämpft und gehofft, und nun ist es gelungen.
Und ich lebe! – Frohe Ostern!“

Oder auch so könnte man von Ostern erzählen, wenn man im Stile Hannas und der Menschen um Jesus von Ostern reden wollte:
„Ich bin verliebt. Ich bin wirklich verliebt. Und diesmal stimmt es. Es ist diesmal keine einseitige, unglückliche Verliebtheit ohne Perspektive. Diesmal ist es anders, wir meinen uns gegenseitig. Was für ein Glück – ich könnte die ganze Welt umarmen! Ich fühle mich so lebendig.“

Ostergeschichten sind Freudengeschichten. Es sind Geschichten, in denen Menschen von einer großen Last befreit werden. Es gibt nicht nur laute, sondern auch viele leise Ostergeschichten.
Könnten wir hier Geschichten erzählen und auf den Altar legen, die wir als Ostergeschichten empfinden? Oder mit zum Taufwasser-Becken bringen? Sie wären unterschiedlich, aber es könnte sein, dass es viele sind.

Da gilt es, auf Spurensuche zu gehen und so zu fragen:
Worüber kann ich mich freuen?
Welche Last bin ich losgeworden, oder welche Last ist leichter geworden?
Vor langer Zeit oder in den letzten Wochen?
– Jemand kann nach einem Sturz wieder laufen. Da macht jeder Schritt wieder Freude, weil er sich erinnert, dass es anders war.
– Für mich sind immer noch der Fall der Mauer und die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands österliche Ereignisse.
– Und wir haben auch vor gut einem Jahr eine Pandemie überwunden, die uns zwei bis drei Jahre lang ziemlich aus der Kurve geworfen hat. Die Last haben wir vor Augen:
Aber es ist vorbei! Wir können wieder Feste feiern und zusammenkommen.
Und dabei singen, ganz buchstäblich!

Und heute hoffen wir mit Millionen anderen Menschen in Ost und West darauf, dass auch da, wo jetzt Krieg herrscht, Wege in ein neues friedvolleres Mit- oder wenigstens Nebeneinander gefunden werden.
Die Botschaft von Ostern bedeutet auch eine Perspektive für viele ungelöste Lebenssituationen und da, wo die Kraft fehlt – im persönlichen wie im politischen Leben.

Ostergeschichten müssen keine strahlenden Geschichten sein. Auch wenn es andere gar nicht verstehen mögen, Hauptsache man kann für sich sagen: „Mein Herz ist fröhlich darüber.“
Ich bin dankbar für diese Erfahrung, und ich lasse sie einfließen in mein Singen, in mein Halleluja und in meine Freude am Osterstrauch zu Hause.

Liebe Gemeinde, noch einmal knapp und bündig:
Ostern ist ein himmlisches und zugleich irdisches Ereignis.
Ostern findet bei uns und in unserem Alltag statt.
Ostern ist der mal sichtbare und mal stille Sieg des Lebens über den Tod. Amen.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus. Amen.

Text: APK
Foto(s): APK-Archiv

Der Beitrag „Ostern ist der mal sichtbare und mal stille Sieg des Lebens über den Tod“ – Osterpredigt von Stadtsuperintendent Bernhard Seiger erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.