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ASG kooperiert mit „Housing First“: Wohnungen für ehemals Obdachlose

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Nach sechseinhalb Jahren Obdachlosigkeit lebt Herr M. wieder in einer Wohnung – dank der Antoniter Siedlungsgesellschaft mbH (ASG) im Evangelischen Kirchenverband Köln und Region (EKV) und der Wohnungslosenhilfe „Housing First“. Denn die ASG sieht seit über 70 Jahren ihren Auftrag darin, breite Schichten der Bevölkerung mit Wohnraum zu versorgen und Menschen, die auf dem Wohnungsmarkt schlechte oder gar keine Chancen haben, ein Dach über dem Kopf zu geben. Dazu gehören Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Behinderung, mit Demenz, alleinerziehende Mütter, Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen und von Obdachlosigkeit Betroffene.

Gerade für obdachlose Menschen engagiert sich die ASG seit vielen Jahren. So spendete sie anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Wohnungsbaugesellschaft im Jahr 2001 eine Summe von 50.000 DM für die Errichtung der Wohnungslosenhilfe Diakoniehaus Salierring der Diakonie Köln und Region und beteiligt sich immer wieder an zahlreichen Spendenaktionen für diese und andere Einrichtungen. Zuletzt sammelte sie im Rahmen der Diakoniespendenaktion des EKV im Jahr 2022 knapp 3.500 Euro für die Überlebensstation Gulliver.

Recht auf eine Wohnung

Gemäß Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder Mensch ein Recht auf eine Wohnung. Dies umzusetzen ist ein wichtiges Anliegen der ASG. So engagiert sie sich neben den vielen Spendenaktionen aktiv, indem sie mit unterschiedlichen Obdachloseninitiativen kooperiert und Wohnraum zur Verfügung stellt.

Seit 2020 fanden 70 Männer und Frauen, die vorher in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe lebten, in Wohnungen der ASG ein neues Zuhause. Bei ihrer Wohnungssuche bis hin zum Einzug wurden sie unterstützt von einem Team von Immobilienkaufleuten und Sozialarbeitern des Projekts „Viadukt“ – ein Kooperationsprojekt des Diakonischen Werks Köln und Region gGmbH, des Sozialdiensts katholischer Frauen e.V. Köln und des Sozialdiensts Katholischer Männer e.V. Köln in Zusammenarbeit mit der Stadt Köln und deren Jobcenter. Allen Beteiligten wird auch in der Zeit nach ihrem Einzug in die eigenen Vier Wände Unterstützung durch „Viadukt“ angeboten.

Mietvertrag mit allen Rechten und Pflichten

Über einen Vortrag wurde ASG-Geschäftsführer Guido Stephan auf das Projekt „Housing First“ aufmerksam und war sofort begeistert. Der Vringstreff e.V. – eine Beratungsstelle und Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Wohnung in der Kölner Südstadt – brachte das Projekt 2019 nach Köln und ist seit 2020 mit dieser Initiative aktiv. Die Idee zu „Housing First“ wurde Ende der 1990er Jahre in den USA entwickelt und wird bereits in einigen europäischen Ländern wie beispielsweise Finnland mit großem Erfolg in der Wohnungslosenhilfe umgesetzt. Auch in deutschen Städten wie Düsseldorf und Berlin gibt es bereits Projekte.

Wohnen bei „Housing First“ bedeutet, obdachlose Menschen erhalten zuerst einen eigenen Mietvertrag mit allen Rechten und Pflichten. Im Anschluss werden ihnen unterstützende professionelle Hilfen angeboten, um die Wohnung zu halten und ihre weiteren Ziele zur Gestaltung ihres Lebens zu erreichen. Die professionellen Hilfen und Unterstützungen sind fester Bestandteil des Konzepts – allerdings sind sie freiwillig und orientieren sich eng an den individuellen Zielen und Wünschen der Mieterinnen und Mieter. Hier unterscheidet sich „Housing First“ von anderen Konzepten der Wohnungslosenhilfe, die zum Ziel haben, Menschen „wohnfähig“ oder „mietvertragsfähig“ zu machen.

20 Menschen konnten inzwischen aus der Obdachlosigkeit in ein festes Mietverhältnis gebracht werden. Die Wohnungen wurden zum Teil vom Vringstreff mit Hilfe einer großzügigen Unterstützung durch den „Housing-First-Fonds“ gekauft. Weitere Wohnungen wurden angemietet. So stellt auch die ASG derzeit zwei Wohnungen aus ihrem Bestand im rechtsrheinischen Köln zur Verfügung.

Der Weg aus der Obdachlosigkeit

Einer der Bewohner, Herr M., der seit März 2023 in einer der ASG-Wohnungen lebt, erzählt, wie sich sein Leben nach sechseinhalb Jahren Obdachlosigkeit verändert hat. Geboren wurde er 1960 in Münster – seine Eltern waren Vertriebene aus Osteuropa. Mit der Mutter zog er 1961 nach Köln, wo die Großmutter bereits lebte. Der Vater blieb der Arbeit wegen in Münster. „Ich habe 56 Jahre in derselben Wohnung in Köln-Porz gewohnt“, erzählt er. „Das war in einer Wohnsiedlung für Flüchtlinge. Auch die Antoniter Siedlungsgesellschaft hatte dort ein Haus.“

Die Mutter starb, als er sechs Jahre alt war. Der Vater – infolge eines Kriegsleidens erkrankt – kam nach Köln und zog ihn auf. 1998 starb er. M. denkt gerne an die Zeit zurück: „Immer in der gleichen Wohnung, ohne Schulden, ohne irgendetwas. Sehr schön im Grünen, das war eine herrliche Zeit.“

Bis dann 2017 das Haus an einen Investor verkauft wurde, der den langjährigen Mieter kurzer Hand im wahrsten Sinne des Wortes auf die Straße setzte. „Ich bin dagegen angegangen, aber ohne Erfolg“, erinnert er sich. „Da wurde viel Schikane betrieben, um mich loszuwerden – Wasserschäden, Schimmel – , mittlerweile war ich aufgrund einer Lungenerkrankung zu 90 Prozent schwerbehindert. Aber das Gericht hat dem Investor die Wohnung zugesprochen.“

Erfolglose Wohnungssuche

Die Wohnungssuche blieb erfolglos. Wohnungsamt, Genossenschaften, Mieterbund – keiner konnte helfen. „Einen Obdachlosen kann man nicht vermitteln. Ich habe Angebote bekommen in einer Schule in Merkenich, die für Obdachlose gemacht worden ist. Das war für mich eine ganz neue Welt. Aber da kommt man mit allem zusammen, was man nicht gerne möchte. Ich war dann auf der Straße ein halbes Jahr, habe zum Teil in Bahnhöfen oder Flughäfen übernachtet. Und dann kamen ja auch noch die Corona-Zeiten hinzu.“

Bei einem Sturz verletzte sich M. 2018 schwer am Arm. Der behandelnde Arzt organisierte eine Unterkunft im Diakoniehaus Salierring, wo er für sechs Wochen in der Krankenwohnung bleiben konnte. „Man gibt sich auf der Straße leicht auf, aber das hat mich wieder hochgebracht“, sagt er. Von der Krankenwohnung wechselte er in Betreutes Wohnen. Doch auch hier konnte er nicht bleiben, da die Resozialisierungsstelle der Stadt Köln die Kosten für die Betreuung nicht weiter übernahm. Er landete wieder auf der Straße, keine Chance auf eine eigene Wohnung.

Aktiv sein trotz Chancenlosigkeit

„Ich habe mir gesagt, man sollte nicht rumsitzen und jammern oder sich dem Alkohol zuwenden. Es ist ein Grauen auf der Straße. Eigentlich ist es so, dass man, wenn man obdachlos ist, kaum noch Chancen auf dem normalen Wohnungsmarkt hat. Aber man muss trotzdem ganz aktiv sein, man kann sich immer wieder an die Fachstelle Wohnen wenden, aber die haben nicht viel. Bei dieser Aussichtslosigkeit noch die Zuversicht oder Hoffnung zu haben, dass es irgendwann vielleicht klappt, ist schwer. Aber es hat ja Gott sei Dank geklappt.“

In der Zeitung las M. Ende 2022 zufällig einen Artikel über Obdachlosigkeit. Er schrieb dem Verfasser, der ihm riet, sich an „Housing First“ zu wenden. Da war die Warteliste lang und die Chancen scheinbar aussichtslos. Aber dann wurde bei der ASG eine Seniorenwohnung frei. M. – der einzige Über-60-Jährige auf der Liste – konnte innerhalb von wenigen Wochen im Frühjahr 2023 einziehen. „Das war mein Glückstag! Nach sechs Jahren auf der Straße, stehen Sie plötzlich in dieser leeren Wohnung und sagen: ‚Wunderbar, endlich wieder ein Dach über dem Kopf.’“ Von Seiten der ASG wurde die Wohnung schnell bewohnbar gemacht, vorhandene Mängel beseitigt, letzte Instandhaltungsarbeiten ausgeführt. „Ich war begeistert“, sagt er. „Die Mitarbeiter aus dem Handwerkerservice, Instandhaltung, Mietservice, der Hausmeister – die waren alle so nett und hilfsbereit. Dass man zu einem Obdachlosen so freundlich ist, konnte ich nicht glauben. Das war bombastisch – wie vom Himmel gefallen. Man hat mich als Mensch genommen ohne Stigmatisierung. Das war das erste Mal nach sechseinhalb Jahren.“

Hilfestellung nur, wo sie individuell gebraucht wird

M. wird Mieter mit allen Rechten und Pflichten und vor allem mit eigenem Mietvertrag. Nun mussten noch Möbel her. Auch hier hatte er Glück, dass eine alte Schulfreundin ihm anbot, die Möbel ihrer gerade verstorbenen Mutter günstig zu übernehmen. Bei alldem stand ihm „Housing First“ beratend und helfend zur Seite.

„Ich habe vorher auch schon in der Wohnungslosenhilfe gearbeitet“, berichtet Emely Adamer, Mitarbeiterin bei „Housing First“. „Es war oftmals sehr frustrierend, weil nach einer bestimmten Zeit der Auszug angesagt war, und kaum jemand ist in eine eigene Wohnung gezogen. Und deswegen arbeite ich so gerne in diesem Projekt, weil wir hier wirklich eine Zukunftsperspektive bieten können. Unser Klientel sind Leute, die hätten keine Wohnung mehr bekommen. Denen eine Wohnung zu geben, ist so schön. Es gibt kaum Probleme. Bisher musste noch niemand irgendwo ausziehen. Also es funktioniert!“

Hilfestellung wird nur da gegeben, wo sie individuell gebraucht und gewünscht wird – sei es bei der Organisation eines Pflegedienstes, der Koordination beim Einzug wie zum Beispiel Möbelbeschaffung, Anmeldung, Terminplanung usw. Ziel ist es, den Teilnehmenden wieder in ein selbstbestimmtes Leben zu helfen. „Man verliert Struktur, einen Rahmen, wenn man lange auf der Straße gelebt hat. Sowas wie Terminplanung hat man nicht mehr drauf. Da bin ich froh, wenn mich jemand begleitet, zum Beispiel zum Pflegedienst, damit da nichts schief geht“, erklärt M.

Auch mit der Nachbarschaft versteht er sich gut. „Man redet miteinander, das ist nicht anonym hier. Es gibt auch Treffen, die das Sozialmanagement der ASG in Gemeinschaftsräumen organisiert. Da geh ich schon mal hin. Man ist nicht allein“, sagt er.

Weitere Zusammenarbeit zwischen „Housing First“ und ASG

„Es gibt sehr viel Not, und als Evangelisches Wohnungsunternehmen sehen wir es als unsere Pflicht an, da zu helfen, wo wir gebraucht werden und auch die Mittel haben. Wohnraum ist knapp – nicht nur in Köln. Obdachlose Menschen haben auf dem Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Ich bin sehr froh, dass wir hier etwas zu beitragen können“, sagt ASG-Geschäftsführer Guido Stephan. Bisher habe es keinerlei Probleme mit Mietern gegeben. Bei Konflikten zähle man auf die Mitarbeitenden von „Housing First“ als Ansprechpartner oder Vermittler. Sofern Wohnungen frei sind, stehe man auch zukünftig als Vermieterin zur Verfügung, verspricht er.

Text: Susanne Hermanns
Foto(s): Susanne Hermanns

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