An diesem Tag sind sie noch in der Kirche unterwegs – unheilvoll, verheißungsvoll und ein bisschen trostvoll in ihrer schrecklich-schönen Klarheit. Der Künstler Thomas Baumgärtel hat für das 2024 von der Evangelischen Kirche im Rheinland veranstaltete Kunstprojekt „Apokalypse“ den vier Reitern aus der biblischen Offenbarung des Johannes malerisch eine Gestalt gegeben – mit vier mal vier Meter großen Gemälden. Vier Wochen lang waren sie in der Erlöserkirche in Weidenpesch ausgestellt und hinterließen großen Eindruck.
Bei der Finissage, die von Christine Högel und den Klängen ihrer keltischen Harfe passend begleitet wurde, schildert Pfarrerin Susanne Zimmermann ihren persönlichen Zugang: „Die vier sind mir fast zu Freunden geworden“, sagt sie, „mit denen ich mitfühle, die aber auch ganz schön herausfordernd sind. Sie haben uns etwas geschenkt: geistliche Trotzkraft.“ Diese brauche es, um den eigenen Lebensstil, das Gemeinschaftsleben und das Wirtschaften grundlegend zu verändern. Ein kleines bisschen sei sie aber froh, dass die vier düsteren Gestalten nun weiterziehen würden.
Kunstvolle Visionen der Apokalypse: Vier Reiter in der Erlöserkirche

Die farbkräftigen Riesenformate des Kölner Streetart-Künstlers Baumgärtel verwandelten die Wände des Kirchenraums in eine bedrohliche Kulisse: In einem orangerot leuchtenden Inferno vor blauem Himmel etwa nähert sich der Schwarze Reiter einer zerstörten Stadt – links Reste des Capitols, rechts die brennende Pariser Kirche Notre-Dame. „Er steht für mich für den Untergang der westlichen Welt“, erläutert Baumgärtel, „für die Kriege. Bis Putin die Ukraine überfallen hat, habe ich noch gedacht, dass die Länder gar nicht mehr viel für Rüstung ausgeben müssen.“ Die Armut auf der Welt sei schließlich riesig.
Der weiße Reiter, der auf dem Gemälde durch ein Universum voller gesprayter Internetsymbolik galoppiert – zwischen Hashtag, dem Twittervögelchen und „X“ –, stehe für Ideologie, digitale, wirtschaftliche und politische Macht. Der rote Reiter symbolisiere Militarisierung und Krieg in der ganzen Welt, der blasse Reiter die Gefahr durch Umweltzerstörung und Ökokollaps. In seinem Schatten ist in einer Bild-Ecke Platz für Hoffnung: Am faulen Gewässer, zwischen leeren Plastikflaschen, sitzt eine Sprayfigur – ein kleines Mädchen –, das einen grünen Sprössling in die Erde pflanzt. Jedes Gemälde weist zudem einen Lichtschein am Horizont auf.
Konfrontation mit inneren und äußeren Kräften: Die theologische Deutung
So betont auch Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, das biblische Verständnis der Apokalypse sei keine Untergangs-, sondern eine Hoffnungsgeschichte. Die Beschäftigung mit ihr werfe die spannende Frage auf, wer die Reiter sind: Ob sie vielleicht Kräfte in einem selbst repräsentieren, die man gerne verdränge. Ob sie für Übermenschliches stünden oder Kräfte, die einen beherrschen – oder ob eine Begegnung mit Fremdem stattfinde. „Die Bilder konfrontieren uns“, so Vogelsang. Es bleibe die Hoffnung. Auch in ihr schwinge Übermenschliches mit. „In der Bibel ist klar: Gott richtet sein Reich auf“, sagt Vogelsang. „Wenn wir ihm auf die Spur kommen wollen, müssen wir aber auf das Unspektakuläre achten – wie beispielsweise die Geburt in der Weihnachtsgeschichte.“
Der offene Himmel verweise darauf, dass die Wirklichkeit viel größer sei als die menschlichen Verhältnisse. Man verliere sich oft in einem Tunnelblick, in den alltäglichen Widrigkeiten. Der Blick auf das Größere könne helfen – und dabei die Kunst. Sie lasse die Begrenztheit der alltäglichen Sicht auf die Welt erahnen und bringe Transzendenz ins Spiel. Kunst habe ein eigenes Leben, ihre Eigenständigkeit. Sie lasse sich deuten, aber nicht so leicht vereinnahmen.
Zwischen Untergang und Verheißung: Bleibende Spuren und neue Wege

Die vier Baumgärtel-Bilder des „Apokalypse“-Projekts standen zunächst in der imposanten Trierer Konstantin-Basilika. Kurator Holger Hagedorn schildert den Unterschied: „Dort wirkten sie fast wie Briefmarken.“ Der rote Backstein der Kirche habe sie ein wenig ihrer Wirkung beraubt – die sie nun in der Erlöserkirche aber voll und ganz entfalten konnten.
Wenn sie nun weiterziehen, verbleibt doch ein anderes Werk Baumgärtels vor Ort: sein Markenzeichen – die gesprayte Banane, mit der er Kunstorte markiert. In diesem Fall eine „Erlöserkirchen-Banane“. Es handelt sich um ein Bild der Banane vor der Kirche, gekrönt von einem Heiligenschein und einem Fingerzeig gen Himmel. Superintendent Markus Zimmermann verkündet die frohe Botschaft: „Wir haben beschlossen, dass der Kirchenkreis Nord das Bild erwerben wird.“ Es werde mitwandern in den neuen Kirchenkreis Linksrheinisch und im dritten Stock des Campus Kartause künftig seinen Platz finden.
Text: Susanne Esch
Foto(s): Susanne Esch
Der Beitrag Apokalypse trifft Hoffnung – Finissage in der Erlöserkirche in Weidenpesch erschien zuerst auf Evangelischer Kirchenverband Köln und Region.
